Der Mann trägt gerne mal einen Anzug. So wie auf dem Cover seines letztjährigen Debuts „Everything.Now!“. Damals vermittelte er mit seiner Erscheinung eine Mischung aus Staubsaugervertreter, Chefinspektor und Busfahrer im Sonntagsoutfit. Von der Kindheit, Liebe, Angst und Verletzlichkeit handelten die Songs seines ersten Soloalbums nach dem Leben mit seiner in der Heimat liebevoll in Erinnerung gehaltenen Band Edson. Ein schmuckes Sammelsurium von elf Songs im Folksongwritergewand, nachdem er bereits zwei EPs veröffentlicht hatte. Der Sommer seiner Geburt 1969, seine erste Gitarre und seine Unfähigkeit die jugendliche Stimme gegen die Ungerechtigkeiten vor seinen Augen zu erheben, wurde liebevoll und unaufgeregt besungen. Und jetzt, auf seinem zweiten Album, sind da wieder elf wunderschöne Songs, die honigschimmernd gleich den Weg in mein Ohr finden und sich aufmachen in die Weiten des Tages und der Erinnerungen an besungene Erlebnisse von gestern, Erfahrungen, Enttäuschungen des Lebens und Liebesdingen. After everything now this. Pelle Carlberg schwimmt in einer Nußschale durch sein Leben und nimmt mich mit auf seine Reise.
Der Mann hat vier Kinder (zwei Mädchen, zwei Jungs). Die Liste seiner musikalischen Einflüsse reicht von den Go-Betweens über Abba, Creedence Clearwater Revival und Belle and Sebastian, und sie würde wohl kein Ende finden, müßte er es versuchen. Er liebt die Popmusik im großen Stil ebenso wie den Popsong im kleinen Unscheinbaren. In dem ersten Stück seines ersten Albums, ein Song über den damals kürzlich verstorbenen Warren Zevon, erzählte Carlberg über seine Angst, das nicht genug von ihm übrig bleiben würde, wenn er eines Tages stürbe. Niemand würde dann sagen: Wie schade. Er hat all die schönen Songs geschrieben. Dabei gibt es tatsächlich jedoch kein Entkommen aus all den schönen und liebevolle erzählten Songs des Pelle Carlberg. Mit „Pamplona“ und seiner halben Familie im Chor eröffnet er auch sein zweites Album „In a nutshell“ spektakulär, wenn auch ganz anders. Auf „Everything.Now!“ war es die Angst zu wenig zurückzulassen, jetzt ist es fast schon ein Hit, mit dem Carlberg in der spanischen Stadt extrem gut drauf zu sein scheint. Aber natürlich streitet er das am Ende im versteckten Teil des Albums ab. Pelle Carlberg hat niemals einen Hitsong geschrieben. Und doch. Einen Song wie „Clever girls like clever boys much more than clever boys like clever girls“ hätten Stuard Murdoch und Co sicher allzugerne selbst im Schrank zu stehen.
Der Mann könnte der größte sein. Der tollste und beste aus dem schwedischen Uppsala. Aber nicht ein Pelle Carlberg, nein. Stattdessen singt er davon, dass man nicht immer der erste, beste und im Mittelpunkt stehende sein muß, um mit dem leben etwas anzufangen. Ein bißchen beschwingter und fröhlicher klingt die Musik des zweiten Albums, dass auch wieder bei Labrador erscheint. Aber bloße Traurigkeit verbreiten war die Sache von Carlberg auf dem Erstlingswerk schon nicht, dass akustischer und hier und da mit leichtem Glockenspiel daherkam; und ist es jetzt auch nicht. Es geht auch anders. Die Liebe zum Beispiel, inzwischen von jeher mißbraucht für den schnellen Hit, die große Nummer, den Gigantismus: der langweiligste aller Songs. Carlberg bringt auf den Punkt, was in den Charts dieser Welt, im Radio deiner Stadt und auf den Mp3-player der Kids eigentlich jeden zur Verzweiflung bringen müßte. „If I could buy you an island / If I where chubby and boring / I would write songs with words like ‚beautiful‘ and ‚morning‘ „. Stattdessen stellt Carlberg die Dinge klar: „If I ever get happy my songs will start to suck / But If I ever get happy I won’t give a fuck“. Trauer, Liebe, Freude, Schmerz, Lebenslust und der Drummer der Smiths: Carlberg besingt seine und meine Welt. Duschgel und Zwiebeln stehen auf dem Einkaufszettel. Alles muß funktionieren, alles soll einfacher werden. Bei dem Versuch alles besser und toller zu machen wird vieles schlechter. Auf der Suche nach dem lebenslangen Glück sterben Menschen plötzlich und unglücklich. Sein Leben ist mein Leben. Das ist die Musik von Pelle Carlberg, davon erzählt er in seinen Songs. Ich könnte diese Songs geschrieben haben. Auch ich trage gerne Anzüge. Ich kann Musik besonders gut hören. Ich kann lachen und weinen dabei. Aber Musik machen, Songs schreiben, das kann ich nicht. Und ich habe erst zwei Kinder. Aber das leben ist ja noch auf der Durchreise. Das kann alles noch werden und Pelle Carlberg begleitet mich auf meinen Wegen. [flo]