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Es ist das Album nach „Pixel revolt“, mit dem John Vanderslice sein Leben an einen bestimmten Punkt rückte, nicht bloß als Fazit, sondern als Einordnung des Vergangenen und als Bestimmung des Zukünftigen. Die Suche nach der Definition der eigenen Identität hat „Pixel revolt“ zu dem einen ganz besonderen Album gemacht, das so nicht jeder Musiker machen möchte, was einige versuchen und wenige schaffen. Bis in die Tiefen seines eigenen Ichs ist Vanderslice herabgestiegen und hat sich in seinen Songs nahezu vollkommen offenbart. Fiktion und Wirklichkeit sind zum Inhalt seiner Geschichten verschmolzen, am Ende stand er offen und schutzlos dar. Nur der Hörer von „Pixel revolt“ konnte Vanderslice vor allem bewahren was aus der Wirklichkeit auf ihn herabstürzen konnte. Für mich persönlich die größte Offenbarung die das Jahr 2006 hervorbringen sollte.

Über anderthalb Jahre sind nun vergangen. Wo würde ich den in San Fransico lebenden John Vanderslice heute einordnen? Das gute Amerika? Was soll ich zu einem Menschen sagen, für den ich seitdem größte Bewunderung hege, die sich aus meinem ganz persönlichen Empfinden und aus meiner ganz eigenen Verzückung ergibt? Was kann mir sein Land geben?

Musikalisch gesehen. Ein Land größer als jede Vorstellungskraft. Die erste Verbindung von „Emerald city“ (dass größtenteils mit seinen Freunden David Broecker, David Douglas und Ian Bjornstad live eingespielt wurde) verknüpft sich nicht gleich mit dem vorangegangenen Album. Als erstes stelle ich mir John Vanderslice viel mehr als Gefährten eines Sufjan Stevens auf.

Während Stevens mit seinem (wohl noch immer in den Anfängen steckenden) Projekt der Alben für alle amerikanischen Bundesstaaten musikalische Ursprünge entkleidet und gleichzeitig Grenzen des Beschränkten überwindet, ist Vanderslice für mich wie ein Reisender durch die gleiche ferne Welt. Und so ist denn auch sein neues Album „Emerald city“ für mich: wie ein Zug, der sich schwer und rauchend, stahlblau fortbewegt. Die neuen Songs setzen die musikalische Entwicklung der inzwischen sechs Alben konsequent fort. Eine große Nähe zu „Pixel revolt“ ist deutlich spürbar, doch nicht so aufdringlich, das die Eigenständigkeiten dieser beiden Alben verloren gehen könnten. Das gut Amerika hat Vanderslice dabei jedoch wohl nicht im Gedanken, denn das neue Album entstand zu einer Zeit, in der seiner französischen Freundin seitens der US-Immigrationsbehörden ein Visa-Antrag verwehrt wurde. John Vanderslice steht also in einem gewissen Konflikt mit seinem Land in Bezug auf geschichtlich verwurzelter und persönlich aktueller Geschehnisse, und er ist ein Chronist. Vanderslice ist unterwegs und dokumentiert sein Leben und die Welt um ihn herum.

Liebe, Schmerz, Rache, Angst und ein ganzes Leben betrachtet zwischen gestern und morgen stecken auch in dem nach der grünen Zone (in dieser Hochsicherheitszone befinden sich die Botschaften der USA und Großbritanniens sowie das irakische Parlament und mehrere Ministerien) in Bagdad benannten „Emerald city“. Es wird sich ihm irgendwann erschließen wohin sein Weg führt, für den Moment jedenfalls ist er hier und dort, hadert und hofft und hält dies in seinen Songs fest. Und es ist irgendwie wie vor eineinhalb Jahren. Indem ich ihm zuhöre, ist er nicht allein. Er braucht die Hörer für seine Songs und Geschichten, braucht sie für sich. Das Album erscheint in Europa bei Affairs of the heart inklusive zweier Bonustracks, die auf der amerikanischen Fassung nicht enthalten sind. Demnächst ist John Vanderslice auch wieder live bei uns unterwegs, u.a. am 22.11.07 in Berlin (Roter Salon). 

 

[flo | november 2007]