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Meinen vielleicht persönlichsten Konzertmoment des vergangenen Jahres erlebte ich in einer kleinen Bar in Mitte, in die ich manchmal ging, weil dort regelmäßig Singer-Songwriter spielen. Der erste Act hatte bereits angefangen, als ich dort eintraf, ein Typ Anfang zwanzig, Songs auf der Akustikgitarre, Gesang. Sofort berührte mich das erste Lied, das ich hörte - ich erinnere mich noch an die Zeilen „you won´t miss anything / cause you won´t see anything / disguised“ und die Art, wie sie gesungen wurden - warm und direkt und emotional.
Jetzt, fast anderthalb Jahre später, höre ich das Debut der Berliner Band Hungry, Hungry Ghost und stoße wieder auf den Song, der den Namen „Blind“ trägt. Was damals eine Version war, die sich rein auf den Gesang und die Akustikgitarre stützte, ist inzwischen ein orchestral arrangiertes Stück mit Keyboardklängen, Schlagzeug und backing vocals. Mit noch mehr Weite und Traurigkeit als die frühere Variante. Dabei mit der gleichen Intimität und Berührbarkeit, ein wiedergefundener kleiner Schatz, der in vielen Farben funkelt.
Doch was ist eigentlich in der Zeit zwischen diesen beiden Versionen geschehen? Nun, besagter Sänger trägt den Namen Alex Haager und trat anfangs solo unter dem Namen Animal Parade auf. Bis er auf die Leute um das junge Label widerheim traf und sie sich anboten, mit ihm seine Platte zu produzieren. Was wiederum den Anfang einer fruchtbaren und kreativen Zusammenarbeit markierte und man sich irgendwann fast selbstverständlich - in einer der vielen Kaffeepausen zwischen den Aufnahmen - dazu entschied einfach als komplette Band weiterzumachen. Somit stießen noch ein paar Musiker dazu, die bereits mit diversen anderen Projekten (u.a. The Framo) auf sich aufmerksam machen konnten und dabei auch ein goldenes Händchen in Sachen Produktion bewiesen.
Dies ist ihnen bei Sleeping English, so der programmatische Titel des Erstlings von Hungry, Hungry Ghost, auch wieder vollends gelungen. Denn die ganze Platte klingt ausgesprochen gut, unverschämt gut, könnte man auch sagen: Groß angelegter Indie Pop, der mit wunderschönen Melodien, verspielten Details und einem Augenzwinkern kleine Geschichten erzählt. Die Wurzeln liegen dabei hörbar im Folk, die Arrangements gehen in Richtung Bowie-eske Soundflächen und der Gesang hat einen ganz eigenen Charme, mal kauzig, mal schmeichelnd, mal fordernd. Auch das liebevoll gezeichnete Artwork und die teilweise ungewöhnlichen Instrumentierung tragen ihren Teil dazu bei, aus einer guten Platte eine großartige zu machen, so dass man das Gefühl nicht los wird, hier auf eine Band gestoßen zu sein, die sich intensiv und auf vielen Ebenen der eigenen Musik hingibt, liebevoll und sorgfältig mit ihr ist und schlichtweg zeitlos schöne Popsongs schreibt. Watch out for Hungry, Hungry Ghost.

[vince | okt 2007]